Spürnasen im Trümmerfeld

Im Himmelrich schnüffeln, suchen und bellen Rettungshunde. Die Baustelle ist ideal, um den Einsatz nach Katastrophen zu simulieren.

Die schwarze Hündin berührt mit ihrer Schnauze fast den Boden. Sie schnüffelt, dann hebt sie den Kopf. Plötzlich macht sie drei schnelle Schritte in eine Richtung und senkt ihre Schnauze erneut. Sie blickt wieder auf, schaut ihre Halterin so an, als ob sie ihr etwas mitteilen möchte, und bellt mehrmals laut. Dabei springt die Hündin auf und ab, ihr Schwanz wedelt hin und her. Immer wieder scharrt sie mit ihren Vorderbeinen. «Brav, gut gemacht», sagt ihre Hundeführerin. Als Belohnung erhält sie aus einem kleinen Täschchen einige Stücke Cervelat. Schnell sind alle in ihrem Maul verschwunden.

Menschen werden vergraben

Iven, eine 6-jährige Flat-Coated-­Retriever-Hündin, hat auf der Baustelle Himmelrich in Luzern am Samstag ihre Eignungsprüfung beim Verein Redog als Katastrophenhund abgelegt – gemeinsam mit 15 weiteren Hunden. Zusammen mit ihrer Halterin, Isabelle Hagenbuch aus Stallikon ZH, muss sie den Test bestehen, um auch in diesem Jahr einsatzfähig zu bleiben. Soeben hat die Hündin den ersten von drei versteckten Menschen unter den Trümmern gefunden. Um die Prüfung zu bestehen, müssen Hund und Hundeführer in 20 Minuten alle drei Menschen finden. Zwei Begutachter benoten das Team.

In Löchern, unter den Trümmern vergraben, müssen die sogenannten Figuranten zwei Stunden verharren, dann werden sie abgelöst. «Jeder im Verein Redog muss das mal machen», sagt Barbara Bühler, Präsidentin der Sektion Innerschweiz. Trotz Schlafsäcken, Decken und Wärmekissen sei es sehr kalt gewesen, sagt Renate Mauley (44) aus dem Kanton Aargau – eine der Personen, die sich unter die Trümmer gewagt haben. «Am Anfang hatte ich zudem Platzangst», sagt sie. «Mit der Zeit ging es dann aber besser. Ich habe meinen Körper ganz heruntergefahren und dann versucht zu schlafen. Das hat aber nicht funktioniert, deshalb habe ich ein paar SMS verschickt, um mich zu beschäftigen», so Mauley weiter.

Iven hat inzwischen den zweiten Figuranten gefunden. Wieder dasselbe Spiel: Lautes Bellen, Scharren, und zur Belohnung gibts Cervelat. Stichwort Cervelat: Warum versteckt man zur Übung nicht einfach Wurst im Boden? «Die Hunde müssen den Menschengeruch riechen, so, wie es im Ernstfall auch ist», begründet Barbara Bühler. Ernstfall bedeutet für die Katastrophenhunde von Redog Erdbeben, Erdrutsche oder eingestürzte Häuser. Bis ein Hund bei solchen Fällen eingesetzt werden kann, braucht es viel. So müssen Hund und Hundeführer mehrere Prüfungen bestehen: Katastrophenhundeprüfung, diverse Eignungstests und die Einsatzprüfung. Das dauert auch bei den talentiertesten Vierbeinern mehrere Jahre. Und: «Nur die besten Teams werden einsatzfähig», so Bühler.

Ideale Bedingungen im Himmelrich

Iven läuft nun über einen Trümmerhügel und bellt ein nächstes Mal. Ist dort etwa schon wieder ein Figurant versteckt? Nein, doch das ist nicht so schlimm: «Mir wurde gesagt, dass auch andere Hunde dort gebellt haben. Vielleicht hat es dort einen Spalt zur Tiefgarage unter der Baustelle», erklärt Ivens Herrin Isabelle Hagenbuch später.

Die Baustelle Himmelrich der ABL gleicht derzeit einem Trümmerfeld. Überall stapeln sich Reste der drei riesigen Gebäude, die seit Monaten dem Erdboden gleichgemacht werden. Dass die Prüfung dort durchgeführt wird, ist aussergewöhnlich. Normalerweise finden solche Ernstfallsimulationen in den Räumlichkeiten von Baufirmen statt, die diese am Wochenende zur Verfügung stellen. So veranstaltet Redog den zweiten Teil der Prüfung bei der Firma Lötscher in Littau. Doch die Baustelle Himmelrich mit den vielen Trümmern ist ideal für die Katastrophenhunde. «Die Baustelle ist für uns ein Paradies. Diese Chance, hier die Eignungsprüfungen durchzuführen, mussten wir nutzen», sagt Barbara Bühler. Eigentlich finden die Prüfungen gewöhnlich im Mai statt, in diesem Jahr wurden sie extra vorverschoben.

Iven betritt nun den letzten Teil der Himmelrich-Baustelle. Dieser ist einsturzgefährdet und dürfte eigentlich nicht betreten werden. «Hol sie da wieder raus», sagt eine Begutachterin streng. Isabelle Hagenbuch ruft Iven zu. Zuerst will sie nicht rauskommen, nach kurzem Zögern trottet sie dann aus dem einsturzgefährdeten Block.

Retriever sind beliebt

Um eine solche Eignungsprüfung zu bestehen, muss man sehr viel üben. «Ich trainiere mit meinem Hund jeden Tag. Er muss fit sein, darum gehe ich manchmal mit ihm zwei Stunden Rad fahren oder wandern», so Barbara Bühler, die einen 9-jährigen Golden Retriever mit dem Namen Everest hat. «Zudem muss der Hund im Kopf fit bleiben.» Für sie sei das Hobby pure Leidenschaft. «Meine Motivation ist es, mit dem Hund eine sinnvolle Arbeit zu machen.» Denn noch immer sei die Hundenase das beste Instrument, um verschüttete Menschen zu finden.

Iven und Everest sind beides Retriever. Das ist kein Zufall: Retriever sind allgemein hoch im Kurs bei Redog. «Aber entscheidender als die Rasse ist für den perfekten Katastrophenhund, dass er ein Arbeitstier ist», sagt Barbara Bühler. «Das heisst, es muss ein athletischer Hund sein, der gerne etwas machen will und nicht einfach nur herumliegt.» Bei Redog gibt es neben Retrievern viele Schäferhunde, Border Collies und Vizslas.

Iven bellt erneut: Diesmal liegt die Hündin richtig. Unter den Trümmern ist ein Mensch versteckt. Gerade noch rechtzeitig: Die 20 Minuten sind durch. Iven und Isabelle Hagenbuch dürfen auch im Jahr 2016 bei Ernstfällen eingesetzt werden. «Es lief im Grossen und Ganzen ziemlich gut», sagt Hagenbuch. «Aber das mit der Disziplin ist bei ihr immer so eine Sache.»

Publiziert in der Neuen Luzerner Zeitung am 22. Februar 2016. 

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